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Kiew wieder in Putins Visier




Russland verschärft den Druck auf die ukrainische Hauptstadt. Zugleich warnt Kiew vor möglichen neuen Angriffsplänen aus dem Norden. Doch zwischen einem militärischen Szenario und einer unmittelbar bevorstehenden Großoffensive liegt ein entscheidender Unterschied. Die akute Gefahr zeigt sich derzeit vor allem am Himmel und an den Lebensadern der Stadt.

Am 8. September trafen russische Drohnen und Raketen erneut Kiew. Nach Angaben der Stadtführung wurden fünf Menschen getötet; der Katastrophenschutz meldete 35 Verletzte. Beschädigt wurden unter anderem Wohnhäuser, eine Schule, eine medizinische Einrichtung und Lagergebäude. Den Angriffen war eine kurze Unterbrechung während des Besuchs amerikanischer Unterhändler vorausgegangen. Kaum war diese vorbei, kehrten Explosionen und Brände zurück. Für die Bewohner bedeutete das nicht die Ankündigung einer möglichen Eskalation, sondern die Fortsetzung eines bereits tödlichen Luftkriegs.

Damit erhält die Frage nach einer neuen russischen Offensive gegen die Hauptstadt zusätzliche Brisanz. Sie verlangt allerdings eine genaue Unterscheidung: Raketenangriffe auf Kiew, militärische Planungen für eine Nordfront und der tatsächliche Aufmarsch einer Invasionsarmee sind drei unterschiedliche Vorgänge. Wer sie gleichsetzt, beschreibt die Bedrohung nicht präziser, sondern verwischt ihre Konturen.

Angriffspläne aus dem Norden
Den konkreten Anlass für die jüngsten Warnungen lieferte am 28. August Pawlo Palissa, der stellvertretende Leiter des ukrainischen Präsidialamts. Nach seinen Angaben hatte die russische Militärführung den Auftrag erhalten, mehrere Operationsvarianten für den Norden der Ukraine auszuarbeiten. Dabei seien insbesondere die Richtungen Kiew und Tschernihiw betrachtet worden. Palissa erklärte, die Informationen seien über mehrere nachrichtendienstliche Zugänge überprüft worden. Der ukrainische Generalstab habe seinerseits mögliche Gegenmaßnahmen vorbereitet.

Derselbe Bericht enthielt jedoch eine wesentliche Einschränkung: Neue russische Angriffsgruppierungen in diesen Richtungen wurden zu diesem Zeitpunkt nicht festgestellt. Auch Anfang September beschrieben ukrainische Militärvertreter keine ungewöhnliche Konzentration von Kräften in den beobachteten Abschnitten. Damit liegt eine ernst zu nehmende ukrainische Warnung vor, aber kein öffentlich gesicherter Nachweis, dass eine große Bodenoffensive gegen Kiew unmittelbar beginnt.

Der Unterschied ist militärisch grundlegend. Ein Generalstab kann mehrere Möglichkeiten untersuchen, ohne dass die politische Führung eine davon zur Durchführung freigibt. Umgekehrt wäre es fahrlässig, solche Planungen allein deshalb abzutun, weil ihre Umsetzung noch nicht sichtbar ist. Vorbereitung auf ein Risiko und Gewissheit über dessen Eintritt sind nicht dasselbe.

Was für einen Angriff fehlt
Für einen neuen Vorstoß aus dem Norden müsste Russland zusätzliche Kräfte bereitstellen oder bestehende Verbände von anderen Frontabschnitten abziehen. Beides hätte Konsequenzen. Neu aufgestellte Einheiten benötigen Ausbildung, Ausrüstung und funktionierende Führung. Eine Verlegung erfahrener Truppen wiederum könnte den Druck an anderen Stellen verringern. Eine neue Angriffsrichtung wäre daher nicht einfach eine Erweiterung auf der Landkarte, sondern eine Entscheidung über knappe militärische Ressourcen.

Zum Personal kämen die Voraussetzungen für einen längeren Einsatz: Munition, Treibstoff, Instandsetzung, Transportkapazitäten und medizinische Versorgung. Entscheidend wäre nicht allein, ob Soldaten nahe der Grenze erscheinen, sondern ob hinter ihnen eine belastbare Versorgungsstruktur entsteht. Ein Truppenaufmarsch ohne ausreichenden Nachschub wäre noch keine tragfähige Grundlage für eine Operation gegen eine Millionenstadt.

Belarus bleibt dabei besonders relevant. Von seinem Staatsgebiet aus griffen russische Verbände 2022 die Nordukraine an. Ein erneuter Angriff über diese Richtung würde die Frage nach russischen Truppenverlegungen und ihrer Versorgung auf belarussischem Boden wieder in den Mittelpunkt rücken. Anfang September war eine entsprechende neue Angriffsgruppe öffentlich nicht nachgewiesen. Das begrenzt die Aussagekraft zugespitzter Ankündigungen, beseitigt aber nicht die Notwendigkeit, die Entwicklung weiter zu beobachten.

Druck auch ohne Vormarsch
Eine Bedrohung aus dem Norden könnte Moskau auch dann nützen, wenn der große Angriff ausbleibt. Die Ukraine müsste abwägen, welche Kräfte sie zum Schutz der Hauptstadt zurückhält und welche sie an bereits umkämpften Frontabschnitten einsetzt. Jede Reserve kann nur einmal verplant werden. Gerade darin liegt die mögliche Wirkung einer glaubhaften Drohung: Sie kann militärische Entscheidungen des Gegners beeinflussen, bevor eine zusätzliche Front tatsächlich entsteht.

Allerdings wäre auch diese Strategie kein kostenloser Erfolg. Eine Drohung, die dauerhaft ohne erkennbare Vorbereitung bleibt, verliert an Gewicht. Ein wirklicher Aufmarsch wiederum bindet auf russischer Seite Personal und Material. Die militärische Führung müsste deshalb zwischen dem Nutzen der Einschüchterung und dem Aufwand ihrer Glaubwürdigkeit abwägen.

Die Lage im Osten liefert keinen einfachen Beleg für eine unmittelbar verfügbare russische Übermacht. Bis zum 12. September hatten ukrainische Gegenangriffe nördlich von Lyman russische Stellungen zurückgedrängt und dortige Umfassungspläne erschwert. Gleichzeitig blieben andere Frontabschnitte stark umkämpft. Solche Entwicklungen sprechen gegen die Vorstellung, Russland könne ohne Weiteres eine zusätzliche Großoperation beginnen. Sie erlauben aber ebenso wenig die Schlussfolgerung, Moskau habe seine Angriffsmöglichkeiten verloren.

Der Luftkrieg verschärft sich
Für Kiew besteht die unmittelbar nachweisbare Gefahr derzeit vor allem aus der Luft. Russland setzte zuletzt auch schnellere, strahlgetriebene Drohnen ein und dehnte Angriffe auf den Tag aus. Die Bedrohung beschränkt sich damit immer weniger auf einzelne nächtliche Angriffswellen. Für eine Großstadt bedeutet das, dass Arbeitswege, Lieferungen und öffentliche Abläufe wiederholt unterbrochen werden können.

Am 11. September trafen russische Drohnen zwei Tankstellen in Kiew. Ukrainische Stellen meldeten zwei Tote. Bereits am Vortag war eine Tankstelle in der Hauptstadt angegriffen worden. Diese Ereignisse zeigen, wie unmittelbar der Luftkrieg in alltägliche Versorgungsabläufe eingreift. Eine Tankstelle ist nicht nur ein wirtschaftlicher Betrieb, sondern Teil eines Netzes, von dem private Mobilität, Lieferdienste und zahlreiche berufliche Fahrten abhängen.

Aus solchen Angriffen lässt sich keine bestimmte Bodenoperation ableiten. Sie können die Versorgung schwächen, Menschen einschüchtern und die Abwehr unter Druck setzen, ohne einem unmittelbar folgenden Vormarsch zu dienen. Genau deshalb wäre es irreführend, jede neue Angriffswelle als Beweis für einen bevorstehenden Sturm auf Kiew zu behandeln. Ihre tatsächliche Wirkung ist auch ohne diese Deutung schwerwiegend.

Ein Krieg gegen Versorgung
Der Druck auf die Hauptstadt steht zugleich in einem größeren Zusammenhang. Am 12. September meldete die ukrainische Bahn Angriffe auf Züge in Luzk und Fastiw. Am 13. September wurde ein Lastwagen nahe dem ukrainisch-polnischen Grenzübergang Jahodyn–Dorohusk getroffen. Der Grenzverkehr wurde vorübergehend unterbrochen. Russland erklärte, Infrastruktur für militärische Lieferungen angegriffen zu haben.

Für die Bewertung solcher Angriffe müssen behauptete Zielsetzung und tatsächlich festgestellte Folgen getrennt bleiben. Dass Moskau einen militärischen Zweck nennt, beantwortet nicht automatisch die Frage, welche Menschen und Einrichtungen getroffen wurden. Umgekehrt macht die Bedeutung eines Transportweges für die Versorgung der Ukraine deutlich, warum Schäden weit über den unmittelbaren Einschlagsort hinauswirken können.

Eine unterbrochene Bahnverbindung betrifft mehr als eine Fahrt. Sie kann Umwege, Verzögerungen und zusätzliche Belastungen anderer Strecken verursachen. Beschädigte Betriebe verlieren Produktionszeit; ausgefallene Versorgungsanlagen müssen repariert oder ersetzt werden. In der Summe entsteht Druck auf die Handlungsfähigkeit des Staates, auch wenn die Bodenfront an einem bestimmten Tag kaum Bewegung zeigt.

Der Winter erhöht den Druck
Mit Blick auf die kommenden Monate gewinnt der Schutz der Infrastruktur weiter an Bedeutung. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius kündigte am 8. September zusätzliche Patriot-Abfangraketen des Typs PAC-2 aus deutschen Beständen an. Zugleich warnte er vor einer möglichen Intensivierung russischer Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur vor dem Winter.

Für die Ukraine stellt sich damit eine doppelte Aufgabe. Sie muss akute Angriffe abwehren und zugleich dafür sorgen, dass beschädigte Anlagen nicht dauerhaft ausfallen. Luftverteidigung und Versorgungssicherheit lassen sich dabei nicht gegeneinander ausspielen: Ein funktionierender Reparaturdienst ersetzt keinen Schutz vor dem nächsten Treffer, und ein Abwehrsystem macht Ersatzteile oder Notversorgung nicht entbehrlich.

Politisch besteht die Gefahr, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf die spektakuläre Frage eines neuen Vormarschs auf Kiew richtet. Der weniger sichtbare Verschleiß von Infrastruktur und Alltag kann jedoch schon vorher erhebliche Folgen haben. Eine Stadt muss nicht eingeschlossen sein, damit ihre Bewohner unter Unsicherheit, wiederkehrenden Unterbrechungen und wachsenden Belastungen leiden.

Diplomatie unter Beschuss
Die erneuten Angriffe nach dem Besuch amerikanischer Unterhändler verdeutlichen zudem die Grenzen punktueller Gesprächserfolge. Die kurze Unterbrechung der Angriffe auf die Hauptstädte war keine umfassende Waffenruhe. Sie schuf ein begrenztes Zeitfenster für Diplomatie, aber keinen dauerhaften Schutz der Bevölkerung.

Für die Bewertung möglicher Verhandlungen ist deshalb nicht allein entscheidend, ob Delegationen reisen und weitere Treffen angekündigt werden. Maßgeblich wäre, ob sich überprüfbare Veränderungen ergeben: weniger Angriffe, verlässliche Vereinbarungen und deren tatsächliche Einhaltung. Eine militärische Entspannung lässt sich nicht aus dem Terminkalender der Diplomatie ablesen.

Auch die Drohung mit einer neuen Nordfront könnte als zusätzlicher Verhandlungsdruck wirken. Das bleibt eine mögliche strategische Funktion, kein nachgewiesener Operationszweck. Eine nüchterne Analyse muss diese Grenze ebenso wahren wie die zwischen einem vorbereiteten Szenario und einem erteilten Angriffsbefehl.

Gefahr ist nicht Gewissheit
Kiew steht unter realem, verschärftem Druck. Die jüngsten Luftangriffe, die Treffer auf Versorgungseinrichtungen und die ukrainischen Warnungen vor russischen Operationsplanungen rechtfertigen große Aufmerksamkeit. Sie rechtfertigen jedoch nicht, den Beginn einer neuen Bodenoffensive als feststehende Tatsache auszugeben.

Nach dem bis zum 13. September öffentlich überprüfbaren Stand ist eine unmittelbar bevorstehende Großoffensive auf die Hauptstadt nicht belastbar belegt. Für eine solche Bewertung wären zusätzliche Hinweise auf tatsächlich bereitgestellte Kräfte, ihre Einsatzvorbereitung und eine tragfähige Versorgung notwendig. Die ukrainische Warnung ist ernst zu nehmen; ihre vorsichtige Form darf aber nicht nachträglich in Gewissheit verwandelt werden.

Die Gefahr für Kiew beginnt nicht erst dann, wenn sich eine neue russische Angriffskolonne in Bewegung setzt. Sie besteht bereits in den Angriffen auf die Stadt und ihre Versorgung. Gerade deshalb braucht ihre Beschreibung keine unbelegte Dramatisierung. Entscheidend ist, was Russland nachweislich tut, welche weiteren Möglichkeiten es vorbereitet und ob die Ukraine die Mittel erhält, beidem zu begegnen.



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