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Früherer französischer Regierungschef Jospin im Alter von 88 Jahren gestorben
Der frühere französische Regierungschef Lionel Jospin ist tot. Er starb am Sonntag im Alter von 88 Jahren, wie seine Familie am Montag der Nachrichtenagentur AFP mitteilte. Der langjährige Chef der sozialistischen Partei war von 1997 bis 2002 Premierminister. Er zog sich aus der Politik zurück, nachdem er bei der Präsidentschaftswahl 2002 eine bittere Niederlage erlitt und in der ersten Runde vom Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen überraschend aus dem Rennen geworfen wurde. Jospin pflegte die deutsch-französische Freundschaft in seiner Zusammenarbeit mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD).
"Jospin zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten Frankreichs", schrieb Präsident Emmanuel Macron im Onlinedienst X. "Durch seine Prinzipientreue, seinen Mut und sein Streben nach Fortschritt stand er für eine hohe Idee der Republik", fügte er hinzu. Der sozialistische Parteichef Olivier Faure nannte Jospin "eine Quelle der Inspiration, ein Vorbild der Aufrichtigkeit". Der Ex-Premier habe in seiner Zeit bereits ein links-grünes Bündnis an die Macht gebracht und zahlreiche Reformen angestoßen, die das Leben der Französinnen und Franzosen bis heute prägten, fügte er hinzu.
Der linskpopulistische Parteichef Jean-Luc Mélenchon, der unter Jospin zeitweise Bildungsminister war, nannte den Verstorbenen "eine intellektuelle Größe in einer Welt, die aus dem Ruder lief". Die rechtspopulistische Fraktionschefin Marine Le Pen nannte ihn einen "politischen Gegner, den wir bekämpft haben", der aber zugleich "eine integre Persönlichkeit der Linken" gewesen sei.
Jospin wuchs in Paris auf und besuchte die Elite-Verwaltungshochschule ENA. Der damalige sozialistische Parteichef François Mitterrand wurde sein Mentor, der ihm den Aufstieg in der Partei ermöglichte. Als Mitterrand Präsident wurde, folgte Jospin ihm als Parteichef und übernahm zudem vier Jahre lang das Amt des Bildungsministers.
Als der konservative Präsident Jacques Chirac 1997 Neuwahlen ausrief, gewann überraschend die Linke, und Jospin wurde zum Premierminister ernannt. Damit war er Teil einer sogenannten Kohabitation, in der Präsident und Regierungschef unterschiedlichen Lagern angehören.
Jospin setzte während seiner Amtszeit insbesondere die 35-Stunden-Woche durch. Zu seinen Errungenschaften zählen zudem die allgemeine Krankenversicherung und die eingetragene Lebenspartnerschaft (Pacs), die ein erster Schritt in Richtung Ehe für gleichgeschlechtliche Paare war. Jungen Menschen erleichterte er den Weg in den Arbeitsmarkt mit subventionierten Verträgen. Jospin blieb fast fünf Jahre im Amt, für französische Verhältnisse eine ungewöhnlich lange Zeit.
Mit Blick auf das deutsch-französische Verhältnis lehnte er eine exklusive Partnerschaft ab, sprach sich aber für eine enge Zusammenarbeit aus. 1999 hielt Jospin die Laudatio auf den britischen Premierminister Tony Blair, der in Aachen den Karlspreis verliehen bekam. Darin erwähnte er den deutsch-französischen Elyséevertrag, der beide Länder zu einem "so eng wie nur denkbar vereinten Paar" mache, das "durch einen nie nachlassenden politischen Willen zusammengeschweißt" sei.
2002 trat Jospin ein zweites Mal bei der Präsidentenwahl an und galt zeitweise als Favorit. Überraschend kam der Sozialist dann aber nur auf den dritten Platz und musste zusehen, wie der rechtsextreme Parteichef des Front National, Jean-Marie Le Pen, in die Stichwahl einzog. "Ich übernehme die volle Verantwortung für dieses Scheitern und ziehe mich aus dem politischen Leben zurück", sagte Jospin nach der ersten Wahlrunde - und rief dazu auf, für seinen Rivalen Chirac zu stimmen, um einen Wahlsieg Le Pens zu verhindern.
Jospin hatte zwei Kinder aus seiner ersten Ehe mit Elisabeth Dannanmuller und heiratete 1994 die Philosophin Sylviane Agacinski. Bei der Präsidentschaftswahl 2022 unterstützte er in der ersten Runde die sozialistische Kandidatin Anne Hidalgo und in der zweiten Runde Emmanuel Macron. Im Januar hatte er bekannt gegeben, sich einer "schweren Operation" unterzogen zu haben, die aber gut verlaufen sei.
Y.Shaath--SF-PST